Titelessay über Park Chan-wook in der epd-Film zur Berlinale

Park Chan-wooks Filme konfrontieren uns auf komplexe Weise mit dem Unberechenbaren und Geheimnisvollen und bieten eine filmische Ambivalenzerfahrung, die weltweite Resonanz erfährt. Die erste Begegnung mit Parks rätselhaften, multiperspektivischen Vexierspielen ergab sich für die meisten mit dem erfolgreichen Start seines dritten Films JSA – Joint Security Area (2000). Dieser führt uns in die entmilitarisierte Zone zwischen der nord- und südkoreanischen Grenze, die seit dem Koreakrieg 1953 einen latenten Kriegszustand absichert. Die Bevölkerungen des geteilten Landes können nach vielen Jahrzehnten als „fremde Geschwister“ (so die koreanische Filmwissenschaftlerin Sung Kyoung-suk) betrachtet werden, die hin- und hergerissen scheinen zwischen einer Sehnsucht nach friedlicher Wiedervereinigung und einer unversöhnlichen ideologischen Feindschaft. Park verdichtet diesen historischen Konfliktzustand in einer filmischen Versuchsanordnung: Eine neutrale Ermittlerin wird aus der Schweiz eingeflogen, um die Erschießung zweier nordkoreanischer Grenzposten in einer Hütte auf neutralem Gebiet zu klären. Sie verhört die südkoreanischen Zeugen, welche beide unterschiedliche Aussagen machen. Der zweite Teil des Films führt in die Vergangenheit und zeigt, wie sich die verfeindeten Grenzposten anfreunden und regelmäßig in der Hütte treffen. Erst als ein Unbeteiligter dazukommt, eskaliert die Situation. Der dritte Teil jedoch bringt eine weitere Wendung. Die Ermittlerin beschließt, das Geschehen nicht restlos aufzuklären, da die Zeit noch nicht reif für die Wahrheit sei.

Mehr im Heft 2/2023: epd Film (epd-film.de)

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