Dokument des Vortrags

Vortrag für die Gedenkstätte DZOK Ulm

Am 20. Oktober startete eine Filmreihe zum Thema „Nationalsozialismus im Film“, die das DZOK mit der vh Ulm konzipiert hat. Gemeinsam mit den Filmwissenschaftlerinnen Christiane König, Sonja Schultz und Marcus Stiglegger spannten sie den Bogen von der unmittelbaren Nachkriegszeit über die 1960er Jahre bis in die Gegenwart. Bei drei Veranstaltungen am 20.10, 17.11. und 1.12.2025 trugen die ausgewiesenen Expertinnen vor, präsentieren beispielhaft Ausschnitte und diskutieren mit dem Publikum.

Zusammenfassung des Vortrags von Marcus Stiglegger:

Filmische Inszenierungen der Ära des Nationalsozialismus‘ und seiner Verbrechen haben das kollektive Gedächtnis weit mehr geprägt als dokumentarische Bilder. Wie wir uns vermeintlich an die Geschichte erinnern, ist durch diese Inszenierungen geprägt. Dabei gibt es verschiedene Phasen innerhalb der Filmgeschichte. Die vergangenen beiden Jahrzehnte bauen auf den Konventionen der 1980er und 1990er Jahre auf, führen jedoch eine deutlich Ambivalenz in die Darstellung von Opfern und Tätern des Regimes ein. Dieser neue Blick ist von teils neuen Perspektiven geprägt (von Der Junge im gestreiften Pyjama bis zu Zone of Interest), durchbricht mitunter lange bestehende „Bildverbote“ und sorgt für eine Ambivalenzerfahrung, die Geschichte auf nachdrückliche Weise vermittelt.

Die Bedeutung von Spielfilmen für die Kultivierung einer lebendigen Erinnerungskultur hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten nachdrücklich bestätigt. Spielfilminszenierungen prägen unser kollektives Gedächtnis auf intensive Weise (Stiglegger 2016). Nach Steven Spielbergs Historiendrama Schindlers Liste (1994) konnte man zumindest im Bezug auf die Darstellung des nationalsozialistischen Völkermordes von einem ‚neuen Diskurs’ sprechen, der u. a. mit Roberto Benignis Das Leben ist schön (1998) eigenwillige künstlerische Perseopktiven hervorbrachte. Mit dem neuen Millennium häufen sich Spielfilme vor allem aus Deutschland, die einen neuen, anderen Blick auf das System des Nationalsozialismus’ versuchen: Filme wie Der Untergang (2004), Napola – Elite für den Führer (2004), Der neunte Tag (2004), Rosenstraße (2002), Sophie Scholl – Die letzten Tage (2005) u. a., begleitet von thematisch ergänzenden Fernsehproduktionen wie Stauffenberg (2003). Entstand daraus ein ‚neuer Diskurs’ über den Nationalsozialismus? Und wenn ja: Was ist eigentlich neu daran?

Seit 2000 lässt sich ein bemerkenswerter Wandel in der Darstellung beobachten: weg von der reinen Täter-Opfer-Binarität hin zu differenzierteren, oft auch emotionalisierten oder ironisierten Narrativen. Ein prägendes Merkmal vieler Spielfilme seit 2000 ist die stärkere Emotionalisierung durch eine subjektiv-perspektivische Erzählweise. Der Film Der Untergang (2004) markiert in dieser Hinsicht einen Wendepunkt. Er zeigt die letzten Tage Hitlers im Führerbunker und nähert sich dem Diktator auf eine bis dahin ungekannte Weise. Bruno Ganz‘ Darstellung Hitlers löste eine öffentliche Debatte aus, weil der Film eine unzulässige Psychologisierung und Normalisierung Hitlers zeige, andere lobten den Versuch, den Mythos zu brechen.

Auch Sophie Scholl – Die letzten Tage (2005) verfolgt eine subjektive Perspektive, allerdings aus Sicht des Widerstands. Der Fokus auf Sophie Scholl als moralisch integrer Heldin verstärkt eine identifikatorische Rezeption. Der Film steht exemplarisch für eine Tendenz, sich über Identifikationsfiguren der Vergangenheit zu nähern, wobei häufig der Fokus auf einzelne Biografien gelegt wird (später auch in Elser  – Er hätte die Welt verändert, 2015, oder In Liebe, Eure Hilde, 2024).

Eine weitere auffällige Entwicklung ist die wachsende Bereitschaft, das NS-Thema ähnlich zu Das Leben ist schön mit komödiantischen Mitteln zu behandeln. Der Film Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler (2007) parodiert das NS-Regime und Adolf Hitler als psychisch angeschlagenen Clown. Der Humor wird hier als Mittel der Distanzierung und Entmystifizierung eingesetzt – auch in diesem Fall nicht ohne publizistische Kontroversen. Noch radikaler ging die US-Produktion Jojo Rabbit (2019) vor, die Hitler als imaginären Freund eines kleinen Jungen darstellt. Diese Groteske ermöglicht eine satirische Reflexion über Ideologie, Naivität und Indoktrination. Dabei nutzt der Film bewusst die Mittel des absurden Humors, um historische Abgründe offen zu legen. Er steht exemplarisch für eine internationale Tendenz zur Satire als Reflexionsinstrument.

In Filmen wie Der Staat gegen Fritz Bauer (2015), Im Labyrinth des Schweigens (2014) und Die Ermittlung (2024) wird zunehmend der Blick auf die Funktionsmechanismen von Überwachung, Justiz und Mitläufertum gelenkt. Zwar beziehen sich diese Filme nicht ausschließlich auf die NS-Zeit, sie thematisieren aber deren Nachwirkungen und personelle Kontinuitäten. Werk ohne Autor (2018) greift die Verantwortung der ‚ganz normalen’ Deutschen auf. Diese Täterforschung hat durch die Historiker wie Christopher Browning („Ganz normale Männer“, 1992) parallel zur medialen Inszenierung einen breiten wissenschaftlichen Rückhalt erfahren.

Mit dem wachsenden internationalen Interesse am NS-Komplex wächst auch der ökonomische Druck auf Filmemacher, erinnerungspolitische Inhalte massenkompatibel aufzubereiten. Dabei kommt es nicht selten zu einer „Ästhetisierung des Grauens“ (Rothberg, 2009), wie es Kritiker etwa dem an ein jugendliche Publikum gerichteten Der Junge im gestreiften Pyjama (2008) vorwarfen. Die Emotionalisierung gehe hier zu Lasten historischer Genauigkeit, was die Gefahr einer banalisierenden Erinnerungskultur berge. Dennoch gelingen auch diesem Film ikonische Momente hoher Intensität.

Die Frage nach der Authentizität stellt sich insbesondere bei Inszenierungen des Holocaust. Filme wie Schindlers Liste setzten Maßstäbe für die filmische Darstellung, die auch nach 2000 weiterwirken. Son of Saul (2015) aus Ungarn geht einen anderen Weg: Durch subjektive Kamera, unruhige Bildführung und akustische Überwältigung wird eine Nähe zur Erfahrung suggeriert, ohne das Grauen vollständig zu zeigen. Dieser ‚negative Realismus’ (Elsaesser, 2017) gilt als neue ethische Strategie der Holocaust-Darstellung. Eine radikale Umkehrung dieser Perspektive finden wir in Zone of Interest (2023) über den Alltag des Auschwitz-Kommandanten.

Die Darstellung des Nationalsozialismus im Spielfilm seit 2000 ist von Pluralisierung geprägt. Emotionalisierung, Satire, Täterfokus und biografische Zugänge erweitern das Spektrum der Erzählweisen. Dabei kommt es zwangsläufig zu Spannungen zwischen Gedenken und Unterhaltung, zwischen historischer Genauigkeit und dramaturgischer Freiheit. Spielfilme sind keine Dokumentationen – sie haben dennoch als Gedächtnisorte (Assmann 2011) einen erheblichen Einfluss auf das kollektive historische Bewusstsein. Entscheidend ist, ob sie zur kritischen Auseinandersetzung anregen oder Stereotype reproduzieren. Die Repräsentation des Nationalsozialismus im Film bleibt somit auch im 21. Jahrhundert ein kulturell-politischer Seismograph gesellschaftlicher Perspektiven.

Literatur:

Assmann, Aleida (2011): Der lange Schatten der Vergangenheit. München: C.H. Beck.

Browning, Christopher (1992): Ganz normale Männer. Hamburg: Rowohlt.

Elsaesser, Thomas (2017): Filmgeschichte und Gedächtniskultur. Berlin: Bertz + Fischer.

Rothberg, Michael (2009): Multidirectional Memory: Remembering the Holocaust in the Age of Decolonization. Stanford: Stanford University Press.

Stiglegger, Marcus (2016): SadicoNazista. Geschichte, Film und Mythos, Hagen: Eisenhut.

Fotos von Anika Janas, DZOK 2025

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