ZDF heute News interviewte Marcus Stiglegger anlässlich des 15. Jubiläums der Serie GAME OF THRONES:
Warum „Game of Thrones“ bei Fantasy-Fans so beliebt ist
Hier das zugrundeliegende Gespräch im vollen Wortlaut:
Inwieweit hat Game Of Thrones die Serienlandschaft nachhaltig beeinflusst?
GOT kam zu einem Zeitpunkt heraus, als DER HERR DER RINGE und HARRY POTTER das Fantasy-Genre bereits erfolgreich neu belebt hatten, aber die Digitalisierung der Medienlandschaft nach neuen Impulsen verlangte, die der Wahrnehmungsform des Streamings entgegen kamen. Eine der Strategien war die realistisch Neuinterpretation phantastischer Szenarien, die sowohl die populären Comic-Adaptionen (BATMAN, JESSICA JONES) als auch epische Fantasystoffe wie GOT mit neuer Intensität aufluden. GOT spielte sich als psychologisch fundiertes, charakterbasiertes Historiendrama ab, das nur sporadisch Ausflüge in die Phantasie gestatte. Im Zentrum steht jeweils das Machtspiel, die Intrigen, die Gewalt – weniger die Magie. Man könnte auch sagen, GOT erschloss so das Fantasygenre für ein erwachsenes Publikum. Die Serie knüpfte so auch an die Heroische Fantasywelle des Kinos der frühen 1980er Jahre an (EXCALIBUR, CONAN).
Wie unterscheidet sich die Serie, bzw. die Buchreihe als Vorlage von anderen Fantasy-Erzählungen?
GOT ist betont realistisch und will in seinen zwischenmenschlichen Dramen ernst genommen werden. Im Grunde haben alle Figuren auch eine dunkle Seite und die Ambivalenz charakterisiert die gesamte Serie. Mit einem Ereignis, einem Trauma kann diese dunkle Seite plötzlich dominieren und alles verändern. Das macht GOT über lange Strecken spannend und unberechenbar. Solche Ambivalenzen waren zuvor deutlicher markiert, dienten eher einer bestimmten Handlungsmotivation. In GOT scheint dagegen alles die schlimmst möglich Wendung nehmen zu können. Jederzeit.
Hauptcharaktere werden schon in der ersten Staffel getötet, dazu überraschende Wendungen. Ist das in dieser Form erstmals mit Game Of Thrones in der Serienlandschaft aufgetreten? Und warum kam das vor 15 Jahren so gut an?
Genau diese unberechenbare Schockdramaturgie war damals in dieser Konsequenz neu und frisch. Sie bot Provokation und Anlässe für Fandiskussionen – eine Kultur, die sich parallel etablierte. Man kannte solche Fandiskussionen bereits zu anderen Serien wie STAR TREK oder BUFFY, doch GOT breitete sich horizontal über zahllose Folgen aus, vermied die episodische Dramaturgie und konnte so lange die Aufmerksamkeit binden. Zudem spiegeln sich in den Personenkonstellationen reale Machtstrukturen, die bis in politische Allegorien hinein diskutierbar sind. Das traf einen Nerv in der chaotischeren Welt nach 9/11.
Von Beginn an sind explizite Gewalt und Sex Bestandteil von Game Of Thrones. Haben diese eine dramaturgische Funktion oder sind diese bloße Effekthascherei?
Die Privatisierung der Medienverbreitung durch Streamingportale ermöglichte deutlich mehr Freiheiten was solche Affektmomente betrifft. Und es gehört zum betont ‚erwachsenen‘ Gestus der Serie, Tabus, Exzesse und Mord auszuspielen. Diese Exzesse sind durchaus ein Motor der Serie, der zugleich einer Überbietungslogik zuarbeitet, die das Publikum an Ende nur enttäuschen kann. Wie soll man eine mehrere Staffeln und Lebensjahre umfassende Erzählung voller Höhepunkte wie der legendären Bluthochzeit (in Staffel 3) zu einem Ende bringen? Die Schlacht gegen die Toten und Khaleesis Massaker am Ende der 8. Staffel zeigen, dass auch die Showrunner etwas hilflos waren, zumal es an literarischen Vorlagen mangelte. Offenbar scheute auch der Autor George R.R. Martin vor diesem Finale zurück. Seine Vorlagen brachen bereits mit den Vorlagen zur 5. Staffel ab.
Ist die Enttäuschung vieler Fans über das Finale nachvollziehbar oder ist es für eine so erfolgreiche Serie generell schwer, ein für die Mehrheit zufriedenstellendes Ende zu finden?
Khaleesis Amoklauf mit den Drachen, die Königsmund einäschern, die erstaunlich einfache Vernichtung der Weißen Wanderer durch den Tod ihres Königs – das sind dramaturgische Entscheidungen, die viele Konsequenzen haben und nach acht Jahren Entwicklung nicht jedem verständlich sind. Die Überbietungsstrategie der Serie kommt hier an ihren buchstäblichen Totpunkt. Zahllose Handlungsstränge wurden unterwegs verloren und vergessen, zahllose interessante Figuren preisgegeben. Und ausgerechnet das Traumpaar Jon Snow und Khaleesi scheitert an diesem entfesselten Wahnsinn. Am Ende geht das Leben für manche weiter – für andere nicht. Das schien vielen willkürlich. Und doch entspricht es der pessimistischen Welt von GOT, die so viel näher an unserer Welt scheint als etwa jene von DIE RINGE DER MACHT.
Aktuell laufen mit „House Of The Dragon“ und „A Knight Of The Seven Kingdoms” Spin-Offs, die zeitlich vor der Originalserie spielen. Ist der große Hype trotzdem vorbei? Wenn nicht, worauf müssten die Macher in Zukunft achten, damit das Franchise möglichst lange erfolgreich ist?
HOTD wirkte zunächst durchaus wie eine Fortsetzung der erprobten Strategien, mit allen Vor- und Nachteilen. Wobei man sich auf ein kleineres Ensemble konzentriert. Das hat noch immer spannende Momente, auch wenn das Konzept schneller zum Ende kam. KOSK dagegen nimmt den realistischen Ansatz aus neuem Winkel wieder auf und erzählt vor allem ein hartes Ritterabenteuer, deutlich auf Identifikation angelegt. Fantasy tritt noch weiter in den Hintergrund. Das könnte funktionieren. Während sich bei HOTD Ermüdung zeigte, regt diese neue Serie die Diskussionen wieder an. Ob diese beiden Serien das kulturelle Phänomen von GOT wiederholen können, ist allerdings zu bezweifeln.

