Interview für die Leipziger Volkszeitung durch Christian Neffe 23.6.2026
Antworten von dem Mainzer Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Marcus Stiglegger, Autor des Buches „Schwarz. Die dunkle Seite der Popkultur“ (Martin Schmitz Verlag)
Was sind die zentralen Elemente/Aspekte in der Musik, den Texten und der Selbstinszenierung von Till Lindemann als Solokünstler?
Till Lindemann hat für seine Soloprojekte die von Rammstein bekannte schwarzromantische, oft mehrdeutige deutsche Lyrik durch eine drastische Schockästhetik ersetzt, die teilweise auf Englisch vorgetragen wird. Zentrales Thema ist das Abjekte – das Verdrängte, was dennoch zum Menschen gehört: Körperflüssigkeiten, Organe, Ausscheidungen, Wunden, Amputation. Das kann auch metaphorisch umgesetzt werden, wie in den Songs „Praise Abort“ und „Ich hasse Kinder“. Wesentlich ist auch kinky und queere Sexualität: Fetischismus, BDSM, sexuelle Darstellung auf der Bühne. Die Projektionen nutzen Hardcore-Elemente, die Bühnenoutfits greifen die Sexualisierung auf. Lindemann-Shows sind daher nicht jugendfrei. Musikalisch geht Lindemann variabler vor, wie ein Cabaret, das unterschiedliche Stile spielerisch vereint. Till Lindemann erscheint hier als ein musikalischer Horrorclown.
Wo liegen da die Unterschiede zu Rammstein?
Im Kontrast zu Till Lindemanns Soloprojekt erscheint die Band Rammstein weniger als Vehikel individueller Selbstdarstellung, dann als ein geschlossenes ästhetisches Kollektiv, dessen Wirkung aus der Verschränkung von Klang, Bild und Performanz hervorgeht. Der charakteristische Sound der Band, ein Geflecht aus Metal, Industrialsounds und elektronischen Strukturen, erzeugt jene monumentale Wucht, die längst zum Signum ihrer künstlerischen Identität geworden ist. Die Texte bleiben eher ambivalent. Sie operieren mit Doppelbödigkeiten, mit historischen, gesellschaftlichen und mythologischen Referenzen und entziehen sich gerade durch ihre Mehrdeutigkeit einer eindeutigen Lesart, wie man das im Video zu „Deutschland“ gut sehen kann. Rammstein inszenieren keine unmittelbare Intimität, sondern arbeiten mit Masken, Rollen und symbolischen Überhöhungen, die den einzelnen Künstler hinter einem größeren ästhetischen Konzept zurücktreten lassen.
Welche kunsthistorischen und/oder popkulturellen Vorbilder und Einflüsse sind bei Lindemann erkennbar?
Popkulturell steht Till Lindemanns Solo-Ästhetik in der Tradition von Künstlern wie David Bowie, Alice Cooper oder Marilyn Manson, die Musik stets als theatrale Inszenierung und kalkulierte Provokation begriffen. Auch Black Metal spielt hier hinein. Darüber hinaus lassen sich Einflüsse der Industrial Culture um 1980, insbesondere von Laibach und Einstürzende Neubauten, erkennen, deren Spiel mit Monumentalität und symbolischer Überhöhung in Lindemanns Bildsprache nachhallt. Kunsthistorisch knüpfen seine Arbeiten an romantische und symbolistische Motive von Vergänglichkeit, Eros und Tod an, während expressionistische Verzerrungen sowie Elemente der Performancekunst und des surrealistischen Films seine Ästhetik zwischen Groteske, Ritual und Transgression verorten.
Würden Sie der Aussage zustimmen, Lindemanns Musik fehlt die Doppelbödigkeit und Ambiguität, die in der Musik von Rammstein (häufiger) zu finden ist?
Gerade in dieser Spannung zwischen Pathos und Ironie, zwischen martialischer Bildgewalt und kalkulierter Brechung entstand jene spezifische Faszination, die Rammstein auszeichnet. Lindemanns Soloprojekt trägt stärker die Handschrift des tabubrechenden Individuums und dessen Grenzüberschreitungen. Man könnte daraus schließen, dass Lindemann überdeutlich vorgeht, während Rammstein die Mehrfachcodierung pflegt.
Welche Aspekte von Lindemanns Kunst sind aus Ihrer Perspektive kritisch zu bewerten, welche als harmlos oder positiv?
Grundsätzlich denke ich, dass der Kunst grundsätzlich keine Grenzen gesetzt sind, sofern es sich um performativen und kreativen Ausdruck auf der Bühne handelt. Was man jedoch kritisieren könnte, ist die beharrliche Affirmation von Elementen, die in der Realität kritisiert wurden und werden. So werden die Grenzen zwischen Leben und Kunst aktiv verwischt.
Lindemann wird oft zugeschrieben, kalkulierte Tabubrüche zu begehen. Ab welchem Punkt werden solche Tabubrüche in der Kunst zum Selbstzweck?
Kunst war immer auch tabubrechend und grenzüberschreitend, auch um Dinge auszutesten, die in der Realität so nicht lebbar wären. Wenn die Darstellung solcher Tabubrüche in der Kunst nur noch auf sich selbst verweist und keine weitergehende metaphorisch Qualität mehr aufweist, würde ich von Selbstzweck sprechen. Das nähert sich dann einer Form der Pornografie, die den Tabubruch zur Befriedigung nutzt.

